MDR - Deharbeiten

"Die Spur der Täter" mit Peter Escher

Ab Februar 2018 begannen die Dreharbeiten zur Sendereihe „Die Spur der Täter“ zu einem Fall der ungeklärten Kindstötung in Weißenfels. Ostern 2017 wurde dort auf dem Gelände eines Wohn- und Geschäftshauses ein männlicher Säugling aufgefunden, der durch schwerwiegende Gewalteinwirkungen gegen den Bereich des Kopfes getötet wurde. Ein erster DNA-Reihentest führte damals nicht zur Ermittlung der Kindsmutter.

Dr. Bettina Goetze, GdP-Mitglied und Kriminologin, wurde vom MDR angefragt, ob Sie die Tat aufgrund ihrer Fachexpertise zu Neonatiziden (hierbei handelt es sich um die Tötung eines Kindes innerhalb 24 h nach der Geburt) vor der Kamera bewerten würde. Sie sagte zu und schaute sich den Fundort in Weißenfels an.

„Ich gehe davon aus, dass die Tötung des Kindes in einer Wohnung passierte und der Leichnam in Anschluss zum Fundort verbracht wurde. Dabei wird der Täter oder die Täterin keine große Distanz zurückgelegt haben. Auch lässt der Ablageort den Schluss zu, dass kein Fahrzeug zum Einsatz kam, da man ansonsten vermutlich anonymere Plätze auserwählt hätte.“ Für die Kriminologin stellt sich darüber hinaus die Frage, ob ein männlicher Täter – eventuell der Kindsvater oder ein neuer Partner der Frau – bei der Tatausführung assistierte, da Frauen eher 'sanftere' Tötungsmethoden an ihren Kindern auswählen. Häufig kommen Erstickungshandlungen oder ein Ertränken zum Einsatz. Und dennoch hat es bereits Fälle gegeben, wo Mütter ihre Kinder nach der Geburt durch gravierende Gewalteinwirkungen zufügten. Hierbei lag aber meistens eine psychotische Störung bei der Täterin vor, so Dr. Goetze.

In ihrer Dissertation untersuchte sie die biografischen Verläufe von Frauen, die nach der Geburt ihr Kind töteten. Dabei konnte festgestellt werden, dass das Leben der Frauen durch zahlreiche Brüche gekennzeichnet ist, die sich auf vielen Ebenen erstrecken: Probleme im Elternhaus, Schulabstinenz, unregelmäßige Erwerbssituationen, häufig wechselnde Partnerschaften, Gewalterfahrungen, gesteigerter Alkoholkonsum, soziale Isolation.

„Wenn ein Mensch in der Lage ist, einem Neugeborenen dieses Leid zuzufügen oder still zuzusehen, fehlt ihm jegliches Maß an Empathie. Und dieser Mangel an Empathie lässt sich häufig dadurch erklären, dass er in keinem gesunden Elternhaus aufgewachsen ist. Allerdings befasst sich mittlerweile auch die Neurowissenschaft mit der Erforschung von Hirnarealen im Zusammenhang mit Empathielosigkeit. Die Ermittlungen sollten sich auf eine Frau im Umfeld konzentrieren, die durch Problemlagen in der Vergangenheit bereits auffällig wurde.“

Eine ganz zentrale Frage sei in diesem Zusammenhang die Schätzung des Alters der Täterin. Goetze erklärt hierzu, dass sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene Studienergebnisse veröffentlich wurden, die sich mit der Altersstruktur der Frauen befassen. Im Prinzip kommt jede Frau im gebärfähigen Alter in Betracht. Die Täterin kann entweder noch sehr jung sein, sich inmitten der 20er Jahre befinden oder zu der großen Täterinnengruppe der Mitte-30er zuzuordnen sein. Wichtig sei, dass bei den weiteren Ermittlungen ein Radius von 1,5 bis 2 km vom Fundort aus einbezogen würde.

„Die Polizei hat alles Mögliche probiert, hexen können die Beamtinnen und Beamten auch nicht. Manchmal fallen Personen, die für die Tat verantwortlich sein könnten, einfach durchs Raster aus verschiedenen Gründen. Deshalb sollte man nicht aufgeben und von vorn anfangen. Irgendwann kommt vielleicht doch noch ein DNA-Treffer oder ein brauchbarer Hinweis. Und manchmal hilft Kommissar Zufall, immerhin ist das genetische Profil der Frau nun registriert.“